Friedrich Schornstein
Dipl. Kfm., Steuerberater, Wirtschaftsprüfer



Im GERHARD HESS VERLAG erschien:

LEBEN UND ERLEBNIS

Ein Weg aus dem 20. Jahrhundert

Ulm 1. Aufl. 2001, 364 S., Ganzleinen (silbergeprägter Einband mit eingestanztem Bild))
ISBN: 3 - 87336 - 016 - 0
Euro 18,40

Der Titel ist lieferbar

Prolog:

Wir haben vor nicht allzu langer Zeit den letzten Tag, den letzten Abend des alten Jahres erlebt; man nennt ihn auch Silvester. Das war nicht irgendein Abend, schon gar nicht irgendein Freitagabend, der über den Samstag in ein geruhsames Wochenende überleitet. Immer habe ich den Freitag, weil er in das Wochenende hineinführt, schöner und entspannender empfunden, als die nachfolgenden Ruhetage.
Aber dieser Freitag war, eben weil es sich um Silvester handelte, ein besonderer: Er führte uns hinüber in dein neues Jahr. Aber damit nicht genug. Wir schrieben an diesem Freitag noch das Jahr 1999, und das wertet diesen Abend in einer vielfach erregenden Weise auf. Um Mitternacht war dann nicht nur das Jahr zu Ende, sondern auch das Jahrtausend, das berühmt, viel geschmähte, bewunderte und verteufelte zwanzigste Jahrhundert. Und als die Uhren Mitternacht zeigten, die Kirchenglocken ihr Geläut begannen, da vollendete auch das Jahrtausend in weniger als in einer einzigen Sekunde seine Metamorphose, der es sich ohnehin nicht entziehen konnte: Es verwandelte sich vom zweiten ins dritte Jahrtausend, so wie das zwanzigste zum einundzwanzigsten mutierte. Das Ende des zweiten Millenniums also.

Nicht mit dem Ende des ersten vergleichbar. Damals waren viele Menschen entsetzlich abergläubisch und fürchteten mit Gewissheit den Weltuntergang. Der Chiliasmus, der Glaube an einen mythischen Rhythmus von je tausend Jahren, war allgemein verbreitet. Die meisten Menschen glaubten, weil sie den heidnischen Kulturen trotz intensiver Mühen der christlichen Lehrer noch nicht entwachsen waren, dass kommende Ereignisse durch eine vielerorts geübte Kunst der Weissagung vorausgesehen werden könnten. Sie sind vorherbestimmt, also kann man sie vorherwissen. Es gab nur wenige, die in Zweifel zogen, was Orakel, dunkle Träume und Vorzeichen zu verkünden schienen.

Man hatte zu jener Zeit einen blitzgescheiten Hirtenjungen aus der Gegend von Aurillac in der Auvergne als Silvester II. zum Papst des Jahres 1000 gemacht, dessen Begabung und ein unwiderstehlicher Wissensdrang ihn befähigten, fast das ganze Wissen seiner Zeit zu beherrschen.
Er war Franzose, einer der wenigen Nicht - Italiener auf dem Heiligen Stuhl. Zum zweiten Millenium gab es, der Zufall hat es wohl so gewollt, erneut einen Nichtitaliener als Papst, den Polen Karel Wojtyla, der als Papst Johannes Paul II. das Pontifikat in das neue Jahrtausend führte. Französischen Freunden gegenüber hatte ich einmal die Vermutung geäußert, dieser Papst werde womöglich wegen seiner schweren Erkrankungen das neue Jahrtausend gar nicht erreichen. Wir saßen damals von ihrem Haus, genossen bei herrlichen Rotwein die sommerliche Stimmung des Abends, während die Sonne als rotglühender Ball den Horizont der auvergnatischen Berge berührte und die wunderschöne Landschaft mit einem zauberhaften Licht überflutete. Meine Gastgeber, streng katholische Franzosen aus Aurillac und stolz auf ihren päpstlichen Landsmann, lachten mich aus, ob meiner Gedanken.
Sie waren als Kinder einer modernen, technischen Zeit zu nüchtern und sachlich, um auf solche Gedanken einzugehen.

Ich hingegen war durchaus empfänglich für den Zauber solcher Stunden und bin es noch heute.
Immer hat mich das Erleben verzaubern können, das ja nicht dasselbe ist, wie Leben. Andererseits besteht das Leben aus einer Reihe von Ereignissen, die man erlebt, aus Erlebnissen also, die in sich eine Einheit bilden, von denen jedes Erlebnis ein Element des Lebens darstellt, ohne in ihrer Summe schon das Leben zu sein. In seiner " Philosophischen Kultur" weist Georg Simmel einmal darauf hin, dass jedes Erleben etwas vom Abenteuer habe, das zwar den Lauf der Dinge unterbrechen könne, dennoch aber den Lebenszusammenhang in seiner Weite, seiner Stärke fühlbar werden lasse.
Darin liege der Reiz des Abenteuers. Das Leben wisse aber zugleich um den Ausnahmecharakter, der dem Erlebnis als Abenteuer eigen sei und bleibe bezogen auf die Rückkehr des Gewohnten, in welches das Abenteuer nicht hinübergenommen werden könne. Deshalb werde das Erlebnis, wenn es Abenteuer ist, bestanden wie eine Probe und als eine Prüfung, aus der man bereichert und gereift hervorgehe. An diesem Silvesterabend nun unmittelbar vor dem Übergang in ein anderes Jahrhundert, ein anderes Jahrtausend, konnte ich aufatmend und erleichtert die Feder zur Seite legen.
Ich hatte beendet, was mir mitunter unerreichbar schien: mein Leben aufzuzeichnen und das meiner Generation. Die Jahre von etwa 1930 bis zum Ende des Jahrhunderts, also jene Jahre, an die ich mich bewusst erinnern kann, sind von so viel Farbe, von so viel Leben, von so vielen Geschehnissen erfüllt, dass sie über jeden, der als Jüngerer diese manchmal wilden und unübersichtlichen Zeiten meiner Generation nicht erlebt hat, erstaunliche Einblicke geben, die mitunter eine andere Welt zeigen.

Ich berichte also über die sieben Jahrzehnte, die diesem außerordentlichen Silvesterabend vorangegangen sind, weil sie wohl die lebhaftesten und farbigsten sind, welche die Geschichte der jüngeren Zeit aufzuweisen hat. Ich unterschlage auch nicht die ersten sechs Jahre meines Lebens. Nur berichte ich nicht darüber, weil ich von dieser Zeit aus eigenem Erleben kaum etwas weiß. Sind der Säugling und das Kind aus dieser Zeit wirklich identisch mit der Person, die heute ihr Leben erzählt und ihre Erlebnisse niederschreibt? Handelt es sich um ein und dasselbe "Ich"? Natürlich haben mir meine Eltern und deren Freunde davon berichtet, dass ich in eine Zeit hineingeboren wurde, da gerade eine die Existenzen bedrohende Inflation zu Ende gegangen war, in der man sich eine einzige Schachtel Streichhölzer mit Milliarden bezahlen ließ. An meinem damaligen "Ich" aber sind die Spuren dieser Katastrophe vorbeigegangen, weil das Erinnerungsvermögen nicht fähig war, sie aufzubewahren.

Nur allmählich gelangten Ereignisse aus dem dunkel hinüber in das heller werdende Bewusstsein, wurden in die Gegenwart hinaufgehoben, vergegenwärtigt, und so als Erinnerung zum Medium der Geschichte.

Eine erschreckende Arbeitslosigkeit, deren Auswirkungen selbst dem Gemüt eines Kindes Ängste verursachen mochten, gehört mit zu den ersten wahrnehmbaren Phänomenen. Viele Menschen, Männer zumeist, standen auf dem Marktplatz vor den Türen des Arbeitsamtes, um Geld in Empfang zu nehmen, wofür sie keine Arbeit geleistet hatten, nicht leisten konnten. Nach meinem späteren Berufswunsch gefragt, hielt ich das Berufsziel arbeitslos für sehr attraktiv, weil mir die Ursachen nicht klar waren. Statt zu arbeiten, standen sie nur herum, die Daumen hinter die Hosenträger geklemmt, und warteten auf ihr Geld. Die Not, die damit verbunden war, die ungeheure Unzufriedenheit, die sich allenthalben breit machte, sah ich ebenso wenig, wie andere junge Menschen meiner Generation.

Dann gab es deutliche politische Veränderungen, die uns junge Leute zu Hitlerjungen machten. Wir sahen, dass alsbald die Arbeitslosen verschwunden waren. Statt ihrer erschienen nun marschierende Menschen in Uniform. Dass sich das ganze Leben auf einen Krieg zubewegte, müssen einige Ältere gewusst haben, wir jüngeren nicht. Im Gegenteil, wir erlebten die Veränderungen durchaus mit frohen Erwartungen. Anreize für junge Leute wurden vielfältig geschaffen. In meinem Fall war es das Fliegen, das mich anzog und faszinierte und das, mit dem Segelflug beginnend, in das Soldatensein hineinreichte. Das Leben in dieser Zeit wurde interessant, lebhaft, abwechslungsreich, gestaltete sich so, wie es jungen Menschen gefallen mochte.

Wir gingen in den Krieg hinein, der anfangs noch immer war, was wir kannten und mochten: ein Pfadfinderspiel, wenngleich manchmal mit ernstem Hintergrund. Dass wir Flugzeugführer wurden, machte uns das Leben zusätzlich lebenswert. Aber die schön und interessant empfundene Zeit endete mit Gefangenschaft und einer totalen Katastrophe. Nichts war mehr, so wie es bis dahin gewesen war. Mit allem, buchstäblich mit allem musste neu begonnen werden. Das galt für die Schule, die, obwohl man sie schon hinter sich glaubte, nochmals beendet werden musste, das galt für die Suche nach einem Beruf, den man schon meinte ergriffen zu haben, und das galt für alle materiellen Lebensumstände, die erneut auf eine Inflation und auf eine Währungsumstellung zusteuerten, wie das meine Eltern schon einmal erleben mussten. Unser ganzes bisheriges Sein war zu einem nichts geworden. Dass wir Pionierarbeit würden leisten müssen, um aus dem Nichts wieder in das sein zu gelangen, spürten wir intuitiv, völlig klar war uns das keineswegs.

Wer sich aus dem Sumpf ziehen will, der ihn hinabzuziehen droht, kann das nicht wie Mühlhausen bewirken: Der eigene Zopf ist da nicht ausreichend. Es bedarf solider Fundamente. Eines davon, und sehr wahrscheinlich das solideste, war die inzwischen gegründete Familie. Wie das in den folgenden Jahren gelingen konnte, anfangs ohne Einkommen, ohne Beruf, ohne Zukunft, ist noch heute unklar. Wenn man auf einer Treppe nach oben steigen will, braucht man Stufen, und die Familie war die erste. Nur auf dieser Basis schien es möglich, die zweite Stufe zu erreichen: einen Beruf, der den Mensch und seine Familie zu ernähren vermochte. Das waren schwere und arbeitsreiche, aber auch schöne Jahre. Schließlich wurde- wir schrieben mittlerweile das Jahr 1955- die bis dahin verbotene Fliegerei wieder erlaubt. Und dann waren es die drei Brennpunkte, die dem Leben wieder Auftrieb und Schwung, Farbe und Leuchtkraft gaben: die Familie, die Halt und Sicherheit bot, die schließlich erfolgreiche abgeschlossene Berufswahl und die Leidenschaft für das Fliegen, die, einmal eingepflanzt, nie erloschen war.

Zehn Jahre lang war das Fliegen nicht erlaubt gewesen. Vieles in der Luftfahrt hatte sich inzwischen verändert, weil der Luftverkehr geradezu explosionsartig gewachsen war. Das machte völlig neue Verkehrsregeln erforderlich. Aber auch vieles andere war neu: die Technik und di Kommunikation hatten sich verändert, man sprach in der Luftfahrt vorwiegend englisch, es gab Möglichkeiten der Funknavigation, die wir früher nicht oder nur in ganz anderer Weise gekannt hatten. Es musste vieles hinzugelernt, die Flugscheine neu erworben werden. Eines aber steckte von früher in uns drin, war nie verloren gegangen: die praktische Handhabe der Flugzeuge. Für mich und zahlreiche meiner Freunde wurde das Fliegen wieder zum Sport, den wir mit Begeisterung betrieben.

Mein Freund Hans und ich hatten uns irgendwann entschlossen, ins europäische Ausland zu fliegen, um unsere Nachbarn kennenzulernen, um Europa sozusagen auf dem Luftwege zu erkunden. Die Vorbereitungen hierzu und die Absicht, solche Flüge alljährlich zu wiederholen, blieben in unserem Freundeskreis nicht verborgen. Irgendjemand hatte dann von unseren Europaflügen gesprochen. Die Bezeichnung setzte sich fest und bald wusste jedermann in unserem Umfeld, was darunter zu verstehen war. Für Hans und mich wurden die Europaflüge bald eine Einrichtung, die zum festen Bestandteil unseres Lebens wurde. Auf jeder dieser Reisen haben wir ausgiebig unsere Erinnerungen hervorgekramt. Wir dachten oft und gern daran, wie es dazu gekommen war und wie sich unser Leben bis dahin entwickelt hatte. Immer wieder waren unsere Europaflüge zugleich Gedankenflüge in die eigene Vergangenheit.

Von diesen Europaflügen wird hier erzählt, von den Gesprächen, die geführt wurden, von den Gedanken, die von allen Seiten kamen und die schneller waren, als das Flugzeug, mit dem wir flogen...




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